|
|
|
Reviews
Verfügbare Sprachen |
Deutsch
|
The Halfmoon FilesFilm Dienst Eine Schellackplatte in einem preußischen Lautarchiv: Mehr ist von dem Inder Mall Singh nicht geblieben, der im Ersten Weltkrieg in deutsche Gefangenschaft geriet und nördlich von Berlin im „Halbmond Lager“ interniert war. Dorthin verfrachtete das Deutsche Reich gefangene „Kolonialsoldaten“: Muslime im Dienst der Alliierten, die durch eine auch religiös zuvorkommende Behandlung mental „umgedreht“ werden sollten, um später den Aufstand gegen die englischen oder französischen Kolonialherren anzustacheln. Ein nennenswerter Erfolg war der unter osmanischer Anleitung entstandenen „Djihad“-Strategie des Deutschen Reichs nicht beschieden; dafür entdeckten Wissenschafter, Anthropologen, Ethnologen und Sprachforscher den exotischen Menschenzoo und stürzten sich mit penibler Akkuratesse, aber kaum verhohlenem Rassismus auf seine Inventarisierung. U.a. wurden Tonaufnahmen wie die von Mall Singh gemacht, den man im nordindischen Dialekt von einem Mann erzählen hört, der sich nach seiner Heimat, nach Butter und Milch sehnt und den Frieden herbeiwünscht, weil er in der Fremde nicht mehr lange überleben kann. Die Worte aus dem Grammophon waren allerdings nicht Teil eines Interviews über Lebensumstände oder Empfindungen des Kriegsgefangenen Mall Singh, sondern wissenschaftliches Material zur Erforschung von Syntax und Lautbildung. So jedenfalls verstanden es seine Produzenten, besonders Wilhelm Doegen, der bis zu seinem Tod schwärmte, auf diese Weise nahezu alle Sprachen der Welt dokumentiert zu haben. 90 Jahre später lauscht Philip Scheffner mit seinem Dokumentarfilm dieser kurzen als Tondokument erhaltenen Rede und macht sie zum Ausgangspunkt einer komplexen, höchst sinnlichen Recherche, in der es zunächst tatsächlich um Mall Singh zu gehen scheint: Wer war dieser Mann, der 1892 im Dorf Ranasukhi im Distrikt Ferozpur/Punjab geboren wurde? Lässt sich über ihn noch etwas in Erfahrung bringen? Schon der Antrag auf eine Drehgenehmigung in Indien stößt auf Widerstände. Auch eine Mitarbeiterin in Indien kommt mit ihren Nachforschungen nur schleppend voran; Mall Singh und das Schicksal, das ihn ins kalte Deutschland verschlug, scheinen im Dunkel der Geschichte entschwunden. Doch der Film weiß aus dieser Not eine Tugend zu machen, indem er zunächst das „Material“ der Wissenschaftler aus dem „Halbmond Lager“ einer raffinierten Detailbefragung unterzieht, wobei Scheffners künstlerische Herkunft von der experimentellen „dogfilm“-Gruppe das Vorgehen bestimmt. So bleibt die Leinwand dunkel, wenn die Stimmen der Gefangenen erklingen, da keine Bildaufnahmen von den Sprechenden existieren; zitierte Dokumente werden in ihrer ursprünglichen Länge verwendet, was im Extremfall einen vierminütigen Stummfilm beinhaltet, bei dessen Wiedergabe auf jede akkustische Interpunktion verzichtet wird. Diese Mischung aus Purismus und Freiheit prägt die Dramaturgie des kurzweiligen, dabei inhaltlich zunehmend vielschichtigeren Films. Die zunächst willkürlich erscheinenden Analysen unterschiedlichster Phänomene arbeiten untergründig daran, die mediale Struktur der Verflechtungen von Politik und Öffentlichkeit, Kolonialismus und deutscher Geschichte, Wissenschaft und Entertainment sichtbar zu machen. Prominentes Beispiel ist die „Enttarnung“ der berühmten Kriegsrede Kaiser Wilhelms II. ans deutsche Volk im August 1914: das angeblich authentische Tondokument ist kein Live-Mitschnitt, sondern entstand 1918 und wurde mehrmals aufgezeichnet, bis der preußische König den richtigen Tonfall für die Nachwelt gefunden hatte. Weniger demonstrativ, dafür in Tuchfühlung mit der Geschichte des Rassismus: eine Serie von Gefangenenporträts, die aus purer Freude am Fotografieren entstand. 1916 erschienen die Bilder, jeweils mit den Namen der Abgebildeten, als „Unsere Feinde“ in Buchform. Bei der Neuauflage einige Jahre später waren die Namen komplett getilgt und durch Nummern ersetzt; zudem wurden rassistisch gefärbte Volks- und Gruppenzugehörigkeiten herausgestellt. Das eigentliche Ziel der „Material“-Betrachtungen sind keine mentalitätsgeschichtlichen Rekonstruktionen; vielmehr geht es um die Einsicht, dass die angeblich objektiven Dokumente auf Ton- oder Bildträgern im Kern fiktional sind: „Erfindungen“, in die zahllose Annahmen, gesellschaftlicher Überzeugungen und Interessen eingeflossen sind. Auf ihnen fußen fundamentale Diskurse, die jedoch ebenso gut dazu dienen, die öffentliche Meinung zu manipulieren. Auch deshalb lautet der Film im Untertitel „A Ghost Story...“, wobei die Auslassungszeichen nicht nur den fragmentarischen Erzählstil, sondern auch ein selbstreflexives Wissen um diesen Zusammenhang andeuten. Die Rede von Geistern verdichtet sich sogar zu einer filmischen Metapher, wenn Mall Singh im letzten Drittel wieder stärker in den Mittelpunkt rückt und durch Scheffners Nachforschungen ein Nachleben erfährt: Sowohl der Vize-Konsul als auch die im Punjab erscheinende Zeitung „Tribune“ spinnen die Geschichte des indischen Kolonialsoldaten auf ihre sehr eigene Weise fort. Das ist in beiden Fälle so spektakulär, dass sich die sperrige „Halbmond“-Akte beinahe doch wie von selbst erklärt. Josef Lederle Wahrheit aus dem Trichter Berliner Zeitung, 20.09.2007 "The Halfmoon Files" erinnert an Moslems im Ersten Weltkrieg von Peter Uehling Als Thomas Alva Edison am 18. Juli 1877 das Wort "Hello" in einen Phonographen-Trichter sprach und es sich fortan immer wieder anhören konnte, kam etwas Unheimliches in die Welt. Der Zusammenhang von Stimme und Leben zerbrach. Fortan war die Atmung nicht mehr nötig, um eine Stimme zum Klingen zu bringen: Es genügte die Aufzeichnung, und ein bereits gestorbener Mensch wurde hörbar. Mit dieser Erfindung und ihren ungeheuren Verbesserungen war, man weiß es, viel anzufangen und viel zu verdienen. Auch wissenschaftlich war das Gerät nutzbar; der Komponist Béla Bartók ist mit einem Phonographen durch Ungarn gezogen und hat die Gesänge der Bauern aufgezeichnet sowie einerseits geforscht, andererseits seinen eigenen Stil mit ihnen bereichert. Auf einer vergleichbaren Kippe zwischen Wissenschaft und Kunst ist Philip Scheffners erstaunlicher Film "The Halfmoon Files" angesiedelt. Scheffner geht von einer Aufnahme aus dem Lautarchiv der Berliner Humboldt-Universität aus. Dort lagern hunderte Aufzeichnungen menschlicher Sprachen der ganzen Welt, die der Linguist Wilhelm Doegen Anfang des 20. Jahrhunderts zusammengetragen hat. Der Erste Weltkrieg gewährte ihm ein seltenes Glück: Als Kriegsgefangene kamen Menschen ferner Sprache nach Deutschland, die Doegen gleich vor den Schalltrichter beorderte. Aus der sogenannten "Halbmond-Baracke", dem Gefangenenlager muslimischer Soldaten bei Wünsdorf, kam auch der Inder Mall Singh, um einen kurzen Text auf Punjabi zu sprechen. Nichts ist von Mall Singh geblieben außer diesem Abdruck seiner Stimme, seines Atems. Er war, so viel lässt sich dank der deutschen Bürokratie herausfinden, Angehöriger der Sikh, wurde 1892 in einem Dorf in Punjab geboren und war Angehöriger der Kolonialstreitkräfte, zog also für England gegen Deutschland in den Krieg. Die Geschichte dahinter ist faszinierend genug: So hatten die Deutschen den Plan, die Muslime im "Halbmond-Lager" so umzuerziehen, dass sie gegen ihre Kolonialherren rebellieren; das Wort vom "Djihad" fiel damals schon. Gleichzeitig hat sich die Wissenschaft mit unverhohlenem Rassismus auf das leicht verfügbare Menschenmaterial gestürzt, es vermessen, statistisch ausgewertet und katalogisiert. Es entstanden und erschienen Porträtserien, in der ersten Auflage noch mit den Namen der Gefangenen (Mall Singh war nicht darunter), später wurden sie als Exempel ihres Stammes nur noch mit Nummern versehen. Nicht nur in Deutschland hat Scheffner nach Singh geforscht, auch in Indien. Allerdings musste er dort jemanden mit der Recherche beauftragen; die indischen Behörden haben seinen Antrag auf Drehgenehmigung nie beantwortet. Dennoch hatte das Ganze Folgen: Der indische Botschafter verlas Mall Singhs Rede 2006 bei der Einweihung des restaurierten Lagerfriedhofs. Scheffners indische Rechercheurin fand die Familie Mall Singhs, die das Tondokument des Gefangenen, dem die Rückkehr nach Indien gelang, zurückverlangte. "The Halfmoon Files" wandeln sich unter der Suche und Dokumentation der spärlichen Spuren zu einer subtilen Studie über den Zusammenhang von Militär, Wissenschaft und den Umgang mit Fremden in Deutschland, um schließlich in die Frage nach der Erzählbarkeit von Vergangenem überhaupt zu münden: Hier das Dokument, dort der Zusammenhang, den man suchen muss. Scheffner ist von der komplexen Spannkraft seiner ausgreifenden Suche zurecht so überzeugt, dass er einen ungemein ruhigen Film machen konnte - er fesselt dennoch. Viele Dokumente werden gezeigt, beginnen dennoch im Erzählfluss den Rang harter Fakten zu verlieren und geraten in ein traumähnliches Schweben. Zuweilen setzt der Regisseur uns minutenlang vor eine dunkle Leinwand, damit wir den alten Tonaufzeichnungen und ihrem Leben wirklich zuhören können. "A Ghost Story ..." Selten trug ein Film diesen Untertitel mit mehr Recht. Die Geister des Archivs Perlentaucher Zu Philip Scheffners "The Halfmoon Files" Von Ekkehard Knörer Am Anfang steht ein Hinweis, den der Berliner Filmemacher und Sound-Künstler Philip Scheffner in Indien erhält: Es ist ein Hinweis auf das Dorf Wünsdorf bei Berlin, in dem während des Ersten Weltkriegs Gefangene aus aller Welt in einem Lager - dem "Halbmondlager" - lebten. Am Anfang steht eine Tonaufnahme vom 11. Dezember 1916, vier Uhr nachmittags. Ein 24 Jahre alter Sikh namens Mall Singh spricht in das Aufzeichnungsgerät, mit dem der Sprachwissenschaftler Wilhelm Doegen im Wünsdorfer Lager unterwegs ist. "The Halfmoon Files" ist ein Film, der viele Anfänge hat und manchen Abweg kennt. "The Halfmoon Files" ist eine Geschichte aus deutscher Vergangenheit. Eine Spurensuche, die selbst Spuren auslegt und die nicht Ergebnisse präsentiert, sondern zeigt, wie sich Geschichten, Dinge, Zusammenhänge einstellen, herstellen, als hätten sie ein Eigenleben. "The Halfmoon Files" ist darum ein Film über den Geist des Archivs, auch über die Geister, die Archiven entspringen. Geisterhaft ist die Stimme von Mall Singh, die Stimme eines Menschen, der aller Wahrscheinlichkeit nach lange schon tot ist. Scheffner will mehr herausfinden über ihn - und tatsächlich taucht er ein weiteres Mal auf: als Studienobjekt einer im Rahmen deutscher Rasseforschung entstandenen Dissertation, die nachzuweisen versucht, dass die Sikhs eine rassisch homogene Gruppe sind. (Der Autor, erläutert Scheffner aus dem Off, kann es nicht nachweisen.) Hier spricht er nicht, hier wird er vermessen. Die Stimme, die Angaben auf dem Lagerformular, die Maße und Zahlen: Wer ist Mall Singh? Er hat gelebt. Er geriet nach Wünsdorf. Er hat in den Phonographen gesprochen. Der Rest verliert sich im Ungewissen. Die Spurensuche setzt sich in Indien fort. Dort will Scheffner drehen, er sucht den indischen Vizebotschafter auf, in Berlin. Man sieht diese Szenen - sie sind freilich nachträglich entstanden. Es gibt eine indische Rechercheurin, sie macht nur langsam Fortschritte. Wir hören sie übers Telefon, das Bild bleibt schwarz. Später sehen wir sie über eine Webcam, dazu die Telefonstimme, Laut und Bild sind aus technischen Gründen asynchron. Die Rechercheurin kann das Dorf, das Mall Singh auf dem Formular als Herkunftsort angab, nicht finden. Die große Geschichte ist dazwischengekommen, die Unabhängigkeit, die Teilung Indiens. Überhaupt sind die großen Geschichten mit im Bild: die Geschichte des Weltkriegs, die Kolonialgeschichte. Sogar Wilhelm II. persönlich, dies eine der Abschweifungen, denen der Filmemacher gerne folgt. Wilhelm Doegen nämlich, der Herr des Lautarchivs, der Mann, der die Stimmen der Welt auf Platten zwang, hat Wilhelm II. post festum (Jahre später) dessen große Rede ans Volk zum Beginn des Weltkriegs einsprechen lassen. Es gibt nun die Bilder des Ereignisses und die Stimme des Kaisers. Man kann sie übereinander legen, nur liegen Jahre dazwischen. Laut und Bild sind auf immer asynchron. Das Archiv und seine Medien: sie verlangen nach Archäologen, die die Bruchstücke nebeneinander legen, katalogisieren, präsentieren. "The Halfmoon Files" ist eine archäologische Arbeit in diesem Sinne. Man sieht Fotos, gesammelt in einem Buch, Namen von Fremden in Wünsdorf, Gesichter von Fremden frontal und im Profil. (In einem Buch, das diese Aufnahmen später unter dem Titel "Unsere Feinde" versammelt, sind die Namen getilgt, durch bloße Nummern ersetzt.) Der Film zeigt auch, was er nicht weiß. Er zeigt, wie er an die Bruchstücke kommt. Er präsentiert das Archiv, seine Geister, die Funde. Einen vierminütigen Film von 1916, natürlich ohne Ton, Aufnahmen aus dem Wünsdorfer Lager, dem Ort, von dem der Film ausgeht, an den er zurückkehrt. Heute aber, auch das zeigt der Film, ist die Geschichte selbst zerfallen: in eine Gedenkstätte zum einen, das Weiterleben zum anderen. Frau Heyer, die heute in einer der einstigen Baracken lebt, erzählt, wie sie die Türen, in die noch die Namen der Insassen geritzt waren, bei der Renovierung entsorgt hat."The Halfmoon Files" ist eine Geschichte über das Suchen, das Finden, das Offenbleiben. Von Mall Sing bleiben die Stimme, die Maße, die Formulardaten, ein kleines bisschen Lebensgeschichte. Der Rest verliert sich. Vielleicht taucht noch einmal etwas auf. Aus dem Archiv, in Indien - es meldet sich, erfahren wir ganz zum Schluss, ein vermeintlicher Enkel. Eine Fortsetzung der Geschichte gibt es im Herbst, in Berlin, in Form einer Ausstellung. Jeder, der diesen Film gesehen hat, kann auf sie nur gespannt sein. Die Stimme eines Geists taz, die tageszeitung 19.09.2007 von Dietmar Kammerer "The Halfmoon Files" forscht nach einem Inder, der 1916 bei Berlin interniert war - und findet heraus, wie Ethnografen, Militärs und Filmemacher zusammenwirkten. In ihren Anfängen waren die technischen von den okkulten Medien nicht zu trennen. Versuche, die Stimmen der Verstorbenen in Edisons Phonographen einzufangen, ihre geisterhaften Schemen auf fotografischen Platten in die Sichtbarkeit zu bannen, hat es gerade im fortschrittsgläubigen 19. Jahrhundert zahllose gegeben. Es war ein beliebter Zeitvertreib in bürgerlichen Salons, sich von den fantastischen Seiten der neuen Aufzeichnungsgeräte verführen zu lassen, ihre als magisch empfundenen Leistungen mit dem Kitzel des Unheimlichen zu verbinden. Auch "The Halfmoon Files" von Philip Scheffner versucht, diesem heute nur noch schwach nachwirkenden Faszinationspotenzial der Medien nachzuspüren. Allerdings sucht und findet er seine Gespenster nicht in verrauchten Hinterzimmern, sondern in den genau vermessenen Archiven von Humanwissenschaft und Geschichtsschreibung. Ausgangspunkt ist eine Stimme, die eine weite Reise hinter sich hat: von Indien ins Deutsche Reich, vom Ersten Weltkrieg in die Gegenwart. Diese> Stimme hebt mit der Formel an, mit der alle Märchen beginnen: "Es war einmal ein Mann. Er geriet in den europäischen Krieg. Deutschland nahm diesen Mann gefangen. Er möchte nach Indien zurück. Wenn Gott gnädig ist, wird er bald Frieden machen. Dann wird dieser Mann von hier fortgehen." Am 11. Dezember 1916 in einen Phonographentrichter gesprochen, in Wachs geritzt, in eine Schellackplatte gepresst, wanderten diese Worte ins Archiv der "Königlich Preußischen Phonographischen Kommission". Heute lagern sie, eine Ablage unter vielen tausend, im Lautarchiv der Humboldt-Universität zu Berlin. Aus dem hat Scheffner sie geborgen, um sie wieder in eine Frage zu verwandeln: Ist dieser Mann, den die mit preußischer Gründlichkeit geführten Dokumente als Mall Singh, Kolonialsoldat im Dienste der britischen Armee, identifizieren, schließlich heimgekehrt? Ist es 90 Jahre später möglich, ihn heimkehren zu lassen? "The Halfmoon Files" ist das Ergebnis der mehrere Jahre währenden Beschäftigung Scheffners mit dieser Tonaufnahme, die den Regisseur an die unterschiedlichsten Orte geführt hat. Orte, an denen das Vergangene und das Gegenwärtige, das Fremde und das Eigene wie übereinanderprojiziert erscheinen. So in einer Kneipe in Wünsdorf nah bei Berlin, in der eine Postkarte hängt, die eine Moschee zeigt, die einst in Wünsdorf stand. Das Deutsche Reich ließ sie für die gefangen genommenen Kolonialsoldaten errichten, die dort im Sonderlager "Halbmond" interniert waren. Das Kalkül: Wenn England und Frankreich die Feinde sind, dann sollte es doch gelingen, die muslimischen Soldaten britischer und französischer Kolonien durch gute Behandlung zum kollektiven Widerstand gegen ihre Besatzer zu überreden. So wurde unter Kaiser Wilhelm II. der antikolonialistische Kampf Teil deutscher Kriegsstrategie. Das ist nur eine der geschichtliche Pointen, denen Scheffners Film nachgeht. Sprachforscher und Anthropologen strömten in das Lager, um die Internierten zum Objekt ihrer Studien zu machen, um ihre Körper zu vermessen und ihre Idiome zu katalogisieren. Die Filmindustrie nutzte das "exotische" Personal, um ein imaginiertes Afrika auf heimischem Boden zu inszenieren. Andere Länder mochten mehr Besitztümer in Übersee haben, Deutschland hatte Wünsdorf. Und man musste nicht einmal das Land verlassen. Mit äußerster Behutsamkeit rekonstruiert der Film die Zusammenhänge einer Allianz aus Militär, Wissenschaft und Propaganda. Scheffners Umgang mit seinem historischen Bild- und Tonmaterial ist nicht nur meilen-, sondern geradezu galaxienweit entfernt von den Ton-Bild-Konfitüren, die ein gedankenloses Geschichtsverständnis à la Guido Knopp uns massenhaft im Fernsehen anrührt. Menschen, die unter reichsdeutscher Verwaltung nur Nummern waren, erhalten hier ein Gesicht. Scheffner präsentiert seine Dokumente wie selbständige Individuen und macht den Vorgang der Recherche selbst zum dramaturgischen Leitfaden seines Films. Wer Gespenstern hinterherjagt, wird nicht zu fassen kriegen, was er sucht, er wird auf dem Weg aber mehr finden, als er zu hoffen gewagt hat. Stimmen aus dem Gestern Berliner Morgenpost vom 20.09.2007 Bezwingend: das Doku-Essay "The Halfmoon Files" (Von Peter Claus) Geistergeschichten haben im Kino Konjunktur. Die Flut an Spielfilmen zum Thema reißt nicht ab. Jetzt erobert das Horror-Genre scheinbar auch den Dokumentarfilm. "The Halfmoon Files" des experimentierfreudigen Berliner Regisseurs Philip Scheffner lässt die Geister längst Verstorbener und einer lang schon beerdigt geglaubten Vergangenheit auferstehen.In Wünsdorf, nördlich von Berlin, befand sich während des Ersten Weltkrieges ein Lager für "exotische Kriegsgefangene", wie etwa den indischen Kolonialsoldaten Mall Singh. Seine Stimme wurde damals aufgezeichnet. Was allein rassistisch gefärbtem Forscherdrang diente. Die im "Halbmondlager" Inhaftierten wurden katalogisiert und kategorisiert. Ausgehend von der Aufnahme des Inders, taucht das Essay ins Gestern ab, um beängstigend schnell in der Gegenwart zu landen. Archivmaterial in Ton und Bild, Momentaufnahmen von heutigen Rechercheversuchen beispielsweise in Indien, knapper Autorenkommentar und eine ungewöhnliche Bildmontage, die auch mal "nur" schwarze Flächen zeigt, sind zu einem faszinierenden Gedankenpuzzle vereint. Deutlich werden noch immer wabernde mitteleuropäische Vorurteile gegenüber "Fremden" und nach wie vor verbreiteter hiesiger Hochmut gegenüber uns fernen Kulturen. Scheffner gibt sich nicht als besserwissender Gutmensch. Stattdessen überlässt er die Zuschauer etwa der Wirkung von Mall Singhs Stimme. Da entsteht ein Sog, den mancher Horrorspielfilm nicht hat. Spurensicherungen einer Geistergeschichte ak - analyse & kritik - zeitung für linke Debatte und Praxis / Nr. 520 / 21.9.2007 (von Fabian Tietke) The Halfmoon Files Allen populären Bearbeitungen zum Trotz: es bleibt noch immer viel zu tun bei der filmischen Bearbeitung deutscher Kolonialgeschichte. Zwar fand die Tatsache, dass Deutschland Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts eine Kolonialmacht war, durch einige populäre Fernsehfilmchen der letzten Zeit ihren Weg in eine größere Öffentlichkeit. Die besondere Brutalität seiner Kolonialbestrebungen, die Deutschland mit anderen nachholenden Kolonialländern wie Italien teilt, wird dabei jedoch zumeist ausgespart. Ebenfalls nicht thematisiert wird, wie stark viele Wissenschaften von kolonialem Denken durchdrungen sind. Dies gilt insbesondere für jene, die für das europäische Selbstverständnis des 20. Jahrhunderts bestimmend werden sollten: Biologie, Medizin, Anthropologie und Kulturwissenschaft. Alle diese Wissenschaften sind in einer Weise mit dem rassifizierenden Überlegenheitswahn der Kolonialstaaten verwoben, die eine Trennung in "reine" Wissenschaft und ideologisierte Unwissenschaftlichkeit nahezu unmöglich macht. Die Untrennbarkeit von Technik, Forschung und kolonialem Denken ist einer der Punkte, die Philipp Scheffner in seinem Film The Halfmoon Files am Beispiel der Stimmaufnahme eines indischen Kriegsgefangenen des Ersten Weltkrieges verdeutlicht. Vertreter einer Sprache, aber kein Individuum. Zwischen 1915 und 1918 machte eine Kommission auf Anregung des Sprachwissenschaftlers und Grammofonenthusiasten Wilhelm Doegen zahlreiche Sprachaufzeichnungen mit dem Ziel, möglichst alle Sprachen der Welt zu dokumentieren. Doegen war fasziniert von der Möglichkeit, mit dem Grammofon erstmals Stimmen aufzuzeichnen und regte an, ein Archiv anzulegen, das alle zugänglichen Sprachen und Mundarten, Musik und die Stimmen von Persönlichkeiten der Zeitgeschichte umfassen sollte. Die Kriegsgefangenenlager des Ersten Weltkrieges boten ihm in seinen Augen Zugriff auf Menschen, die sonst nur durch aufwendige Reisen erreichbar gewesen wären. Die dabei entstandenen knisternden Aufnahmen, die heute im Archiv liegen, sind der Anfangspunkt einer Spurensuche im Film oder - wie Scheffner es an einer Stelle im Film beschreibt - einer Geistergeschichte. Scheffners Suche nach dem Inder Mall Singh, der im Punjab in die englische Armee eintrat und wenig später in Europa in einem Kriegsgefangenenlager landete, konterkariert en passant die Intention Wilhelm Doegens bei der Erstellung der Sprachaufnahmen. Scheffner sucht die Person hinter der Stimme, während Doegen in Singhs Stimme nur den typischen Vertreter einer Sprache gefunden zu haben glaubte und bei dieser wie allen anderen Aufnahmen jedes Zeichen von Individualität nach Kräften vermied. Individualität sollte den Angehörigen der europäischen Staaten vorbehalten bleiben. Vermutlich wird man auch die deutsche Empörung darüber, auf europäischem Boden gegen Soldaten aus den Kolonien Frankreichs und Englands kämpfen zu müssen, vor diesem Hintergrund sehen müssen. Dass die Deutschen selbst Askaris für die Kämpfe um die Kolonien einsetzten, das mochte für die Anhänger einer massenmordenden europäischen Zivilisationsmission noch angehen, in Europa wünschte man jedoch unter sich zu bleiben. Folgerichtig erklärte die Illustrierte Zeitung ihren LeserInnen, es sei lächerlich "wenn die Franzosen und Engländer angesichts der Tatsache, dass sie Völker niedrigster Kulturstufe und sogar Kannibalen auf ihre Gegner loslassen, nach wie vor behaupten, für die Kultur zu kämpfen." Dieser Satz erschien in der Zeitung vom 24. Dezember 1914 - jenem Datum, an dem weiße deutsche und britische Soldaten in einer Art Gentlemen's Agreement zwischen den Schützengräben miteinander Fußball spielten. Wissenschaft und koloniales Denken. Aller scheinbaren kolonialen Eintracht zum Trotz begann Deutschland jedoch im Ersten Weltkrieg als Kolonialmacht antikoloniale Propaganda gegen die Briten und Franzosen zu betreiben. Was im Ersten Weltkrieg mit dem Versuch begann, sich als Verbündeter des Osmanischen Reiches, den Islam als Ansatzpunkt für eine Allianz gegen die britischen und französischen Kolonialherren nutzbar zu machen, setzte sich bis in die 1940er Jahre fort. Um den Propagandakampf auch im Film führen zu können, wurden die Kriegsgefangenenlager zudem auch als exotisierende Filmkulisse genutzt, für deren Requisite man auf die Bestände des Berliner Völkerkundemuseums zurückgreifen konnte. Zu den Stärken von Halfmoon Files gehört, dass es Scheffner mit filmischen Mitteln gelingt, die Absurdität und Mehrschichtigkeit der verwendeten Ton- und Bildelemente aufzuweisen. Entlarvend ist z.B. eine Szene, in der Doeges eine Rede Wilhelms II. aufzeichnet, und der Kaiser mehrfach neu ansetzt, um seine Redeweise den Regieanweisungen Doeges entsprechend zu korrigieren. Sekundenlange Schwarzblenden, während deren Tonaufnahmen laufen, zu denen kein Bildmaterial existiert, zwingen zur Konzentration auf die Quelle, die überhaupt erst den Raum schafft für die Darstellung der komplexen Verwobenheit der thematischen Fäden. Umso beeindruckender ist es, dass Halfmoon Files trotz allem ein unterhaltsamer Film ist, der Lust macht, den Quellen in historischen Dokumentationen wieder genauer zuzuhören. Stimmen der Völker auf Platten Frankfurter Allgemeine Zeitung | Geisteswissenschaften Mittwoch , 5. September 2007, Nr. 206/ Seite N3 Gefangene sprechen: Eine Dokumentation zum Berliner Lautarchiv und seinen Schätzen. Bei der Berlinale wurde im Februar dieses Jahres der Film „The Halfmoon Files" des Berliners Philip Scheffner gezeigt, ein Film über visuelle und akustische Spuren des Kriegsgefangenenlagers Wünsdorf bei Berlin während des Ersten Weltkriegs. Dorthin waren von 1915 an vor allem Gefangene aus Nordafrika, dem Nahen Osten und Indien gebracht worden, die als Alliierte der Engländer und Franzosen in den Ersten Weltkrieg gezogen waren. Die Insassen genossen eine gewisse Vorzugsbehandlung, weil die Deutschen auf eine wachsende Entfremdung der Gefangenen gegenüber den Kolonialmächten setzten. So wurde für die Muslime in Wünsdorf eine Moschee errichtet, worauf der Titel des Films anspielt. Eine gewisse Berühmtheit erlangte das Lager Wünsdorf auch deshalb, weil in ihm - wie in 175 anderen Kriegsgefangenenlagern auf dem Territorium des Deutschen Reichs – zahlreiche Phonogrammaufnahmen auf Edison- Wachswalzen und Schellackplatten gemacht wurden. Diese gehören heute, digital transkribiert und durch eine Datenbank erschließbar, zu den Beständen des Berliner Lautarchivs, das dem Helmholtz- Zentrum der Humboldt-Universität angegliedert ist. Die Kolonialsoldaten Philip Scheffners halbdokumentarischer Film zieht den Zuschauer in den Prozess der Entzifferung der Dokumente und der Suche nach Spuren gelebten Lebens hinein, indem er historische Tonaufnahmen, Fotos und Filmaufnahmen mit schriftlichen Zeugnissen aus dem Archiv, mit Interviews von Lebenden und Ortsbesichtigungen miteinander verbindet. Im Widerstand gegen die Sehgewohnheiten des Fernseh-Features werden Bilder und Töne häufig entkoppelt, um die Wahrnehmung der akustischen Quellen nicht durch visuelle Eindrücke zu überdecken. Einmal ist die Leinwand fast vier Minuten schwarz, wie um die Geister der Vergangenheit zu beschwören, die Stimmen erhalten eine ungewohnte Plastizität, und das Rauschen der Schellackplatten wird als ihre Aura hörbar. Das Sujet zwingt zur Reflexion auf die formalen Möglichkeiten filmischer Darstellung und deren politischer Instrumentalisierung. Ein Exkurs zu Wilhelm II. zeigt die Nutzung der Film- und Schallaufzeichnungstechniken für Zwecke imperialer Selbstdarstellung. Die didaktisch-wissenschaftlichen Intentionen des Films werden durch die erzählerische Struktur balanciert. Im Zentrum steht der Sikh Mall Singh aus dem Punjab. Als einer von Tausenden von Kolonialsoldaten war er mit dem britischen Heer nach Frankreich gekommen, dort gefangengenommen und in das Lager Wünsdorf verbracht worden. In einer Tonaufnahme erzählt er seine Geschichte, wir hören seine selbstbewusste und zugleich klagende Stimme: „Wenn dieser Mann noch zwei Jahre hierbleiben muss, dann wird er sicher sterben." Der Film dokumentiert, unter welchen Vorgaben diese Schallaufnahme zustande kam. Der Indologe und Völkerkundler Heinrich Lüders hatte zusammen mit dem technischen Direktor Wilhelm Doegen die Aufnahme im Lager Wünsdorf selber überwacht. Was Mall Singh ihnen erzählte, wurde zunächst in dessen eigener Sprache aufgezeichnet und phonetisch transkribiert, dann musste er den Text in den Trichter sprechen, die Schriftfassung vor Augen. Ein Personalbogen hielt Daten über Herkunft, Erziehung, Sprachkenntnisse und Sonstiges fest. Ziel dieser Aufnahmen war nicht vornehmlich eine Dokumentation individueller Stimmen oder die Gewinnung von völkerkundlich bedeutsamem Material wie Mythen, Legenden oder Liedern, mochte dies auch ein Begleitaspekt anderer Aufnahmen gewesen sein. Ziel war in letzter Instanz die von dem deutschen Wissenschaftler angefertigte phonetische Umschrift, als Grundlage für vergleichende sprachwissenschaftliche Studien. In diesem Kontext von Sprachwissenschaft und Völkerpsychologie, von Rassenkunde, Biometrik und der exakten Verschriftlichung von Daten erhalten diese Aufnahmen ihre Bedeutung. Es sind Stimmen von Gefangenen und zugleich gefangene Stimmen, von deren Aussprache die deutschen Wissenschaftler das festzuhalten versuchten, was sie für ihre Hypothesen benötigten. Überfordertes Konzept Nun sind diese den Aufnahmen zugrunde liegenden Ambitionen eine gigantische Wissenschaftsruine geblieben. Der Initiator des Lautarchivs, der Sprachwissenschaftler und Geschäftsmann Wilhelm Doegen, mochte von einem Museum der Stimmen der Völker träumen, von einer Leistung, die den Kriegsgegnern zeigte, dass Deutschland seiner Kulturmission auch in Kriegszeiten treu blieb und sie mit überlegenen technischen Mitteln durchführte. Dafür hatte er dank seiner politischen Verbindungen während des Ersten Weltkriegs auch Unterstützung in den preußischen Ministerien gefunden. Allerdings wurde das gehortete Material von den Sprachwissenschaftlern, die die Aufnahmen überwachten, niemals ausgewertet, von wenigen Ausnahmen wie dem Anglisten Alois Brandl abgesehen. Wenn man hoffte, eine Vielzahl von sprachwissenschaftlichen und völkerkundlichen Dissertationen auf den Weg zu bringen, so erfüllten sich diese Erwartungen nicht. Das später in der Preußischen Staatsbibliothek untergebrachte Lautarchiv Doegens blieb weithin ungenutzt, auch nach 1933, als noch vereinzelte Neuaufnahmen gemacht wurden. Wo gab es auch in Deutschland Spezialisten für Phonetik und Dialektologie des Punjab, der afrikanischen oder der Kaukasussprachen? Elegisch-klagender Ton. Das Material der 1600 Aufnahmen aus deutschen Kriegsgefangenenlagern zwischen 1916 und 1918 überforderte Kapazität und Kompetenz der damaligen Forschung. Nur einige wenige Studien wurden publiziert, etwa zur Balkan-Musik, zu den Inseldialekten deutscher Kolonisten in Russland, zu georgischen Gesängen und tatarischen Texten. Ist das Berliner Lautarchiv also nur mehr Ausdruck des imperialen Kulturbewusstseins der damaligen Wissenschaftler, ihrer rassenkundlichen Vorurteile und Herrschaftsattitüden? Philip Scheffners Film dokumentiert diesen historischen Kontext und weist zugleich in eine andere Richtung. Sowenig frei sich diese gefangenen Stimme auch aussprechen konnten, so zugerichtet sie waren, so haben sie doch ein undomestizierbares Potential, das nicht darin aufgeht, exotische Vorzeigeobjekte der wilhelminischen Wissenschaft zu sein. Da gibt es einen elegischklagenden Ton in der einen Stimme, da ertönt in einer anderen ein sardonisches Gelächter nach dreimaligen „Heil"-Rufen, in einer dritten hört man, wie der Sprecher wie zum Spott seine Aufnahme mit dem deutschen Ausruf „guten Abend" beendet. Das kalte Medium Phonographie dokumentiert eben nicht nur die Physikalität von Schallwellen, sondern zugleich Stimmen, die eine individuelle Physiognomie und eine eigene Geschichte haben. Als solche könnten sie -jenseits des kuriosen Interesses – ein eigenes Nachleben führen. Scheffners Film endet damit, dass er einen Zeitungsbericht aus dem Punjab aus dem November 2006 dokumentiert, in dem davon berichtet wird, wie sich die Urenkel des Mall Singh heute zu Wort melden und ihrer erstaunten Mitwelt von der Entdeckung dieser einzigartigen Stimmaufzeichnung berichten. Scheffner hatte selber über die indische Botschaft die Recherche nach der Familie des Sikh initiiert. Wird hier nicht eine künftige Nutzung des Berliner Lautarchivs absehbar, vielleicht sogar eine Wende in dessen Geschichte? Erst wenn die Nachfahren der damaligen Kriegsgefangenen - nicht nur in Indien, sondern auch in anderen westeuropäischen Ländern, in Afrika, dem Nahen Osten und Osteuropa - die Stimmen ihrer Vorfahren in Berlin entdecken, kann dieser Schatz eine neue Bedeutung als Teil des akustischen Weltkulturerbes erlangen. Und dann werden sich vielleicht eines Tages aus diesen Ländern nicht nur Familienangehörige der damaligen Gefangenen, sondern auch Wissenschaftler finden, die das von den Deutschen aufgezeichnete Material nutzen, um ein Panorama ihrer heimischen Dialekte zwischen 1915 und 1919 zu zeichnen oder die vereinzelt aufgenommenen Lieder und Märchen zu studieren. Jedenfalls ist es eine weitsichtige Vorentscheidung, das Berliner Lautarchiv als Teil jener Sammlungsbestände vorzusehen, die im Rahmen des Humboldt-Forums auf dem Schlossplatz eines Tages präsentiert werden sollen. REINHART MEYER-KALKUS ‘The Half-Moon Files, about India World War I POWs, left me crying’ Tehelka - The peoples paper, India I was at the Berlin Film Festival recently and saw a 90-minute docu-fiction film at the International Forum of New Cinema, called The Half-Moon Files: The Ghost Story. It’ll be coming to India shortly. Made by a German director Philip Scheffner, it’s about the time after World War I when a number of Indian soldiers fighting for the British were taken captive by the Germans. They were kept in a prison camp (called Half-Moon camp, which is where the name of the film comes from) near Berlin. The Germans subjected them to biological experiments, and also recorded their voices. Ninety years later, the director came across the audiotape of a colonial Indian POW called Mall Singh, who spoke about his village and how he hoped to go back some day. It’s a beautiful experimental film that talks about the politics of race, but it’s also about not making the film the director wanted to. I was crying at the end of it. It tells us much about the German temper of the time and how people were treated as mere specimens. Truly a disturbing film. Onir is the director of My Brother Nikhil Geisterreise ins Archiv www.infomedia-sh.de, Daniel Krönke, Februar/März 2007 Eine Geistergeschichte will Philip Scheffner erzählen. So zumindest erklärt er sein Vorhaben dem freundlich interessierten Mitarbeiter der indischen Botschaft, als er wegen einer Drehgenehmigung anfragt. Und tatsächlich verlangt „The Halfmoon Files“ vom Zuschauer, was auch eine Geistergeschichte verlangt: Ungeteilte Aufmerksamkeit und den Glauben, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde, als uns unsere Schulweisheit glauben macht. Eine gute Schulbildung ist jedoch auch hilfreich, denn Scheffner rekapituliert nicht das historische Kapitel „Ende des Kaiserreiches“ wenn er sich auf die Spurensuche nach Mall Singh, einem indischen Kriegsgefangenen im Lager Wünsdorf bei Berlin macht. Da es bereits in den Anfängen des Medienzeitalters Allianzen zwischen Militär, Wissenschaft und (Unterhaltungs-) Industrie gab, kann Scheffner einzigartige Zeitzeugnisse präsentieren: Das Preußische Schallarchiv legte unzählige Tondokumente auf Schellackplatten an. Beginnend mit sauber katalogisierten Sprach- und Gesangs-Aufnahmen von Kriegsgefangenen des Ersten Weltkrieges, ruhen im Schallarchiv auch eigens für die Aufzeichnung gesprochene Reden des Kaiser Wilhelms an das deutsche Volk. Wenn Scheffner diese Aufnahmen zu Gehör bringt, bleibt die Leinwand schwarz und nur Titel erklären, was sich vor dem Trichter abspielt. Vor dem geistigen Augen spricht Mall Singh, spricht der Kaiser, beide nicht vertraut mit der neuen Technik. Scheffner wertschätzt in diesen Momenten nicht nur das Lebenswerk des Archivars, der seiner Arbeit bis ins hohe Alter nachging, sondern vertraut auch der Aufmerksamkeit und Imaginationskraft des Zuschauers. Ähnlich arbeitet Scheffner mit dem wenigen, aber sensationellen Bildmaterial, das das Gefangenenlager Wünsdorf zeigt. Kriegsgefangene aus der ganzen Welt kamen im „Halbmondlager“ zusammen, vorwiegend Muslime. Die Türkei wurde zum Bündnispartner des deutschen Kaiserreiches, daraufhin wurde in Ankara der Djihad gegen die Alliierten ausgerufen. Die muslimischen Kriegsgefangenen bekamen plötzlich eine militärstrategische Bedeutung, sie sollten von türkischen Muslimen „umgedreht“ und auf den Djihad gegen die Alliierten eingeschworen werden. Freie Glaubensausübung wurde daher nicht nur erlaubt, die Gefangenen konnten ihre Gebetsstunden in einer eigens erbauten Moschee abhalten, auf freiem Feld wurden traditionelle Schlachtfeste abgehalten. Ein kurioses und gleichzeitig erschreckendes Bild – muslimische Kriegsgefangene als Spielball in der Kriegspolitik, das Gefangenenlager Wünsdorf als Pool und Anschauungsobjekt für anthropologische Studien. Anders als herkömmliche Dokumentationen verzichtet „Halfmoon Files“ auf nachträgliche Vertonung bzw. Bebilderung. Bild und Tondokumente stehen für sich. Der Effekt ist eine geschärfte Wahrnehmung des Gezeigten und Gehörten. „Halfmoon Files“ kann ein besonderes Erlebnis sein, wenn man sich darauf einlässt. Dann aber wird man mit der Reise an einen Ort in der Vergangenheit belohnt – und dem Gefühl, seinen Geist gespürt zu haben. (dakro) Film und Kritik Friday, 27. April 2007, by m_art_in Die Leinwand ist schwarz. Leuchtendes, projiziertes Schwarz. Und würde die Erzählerstimme nicht durch Untertitel sichtbar gemacht, dann würde ich eine Weile nur das Schwarz anschauen und aufmerksamer der Stimme lauschen. Aber so wird mein Blick nach unten gelenkt und ich lese unnötigerweise die Übersetzung. Auch derart verändern sich Filme. Vielleicht latent oder zu bestimmt, um reflektiert zu werden. Durch Bestandteile, die nachträglich hinzugefügt werden, ein Eigenleben entwickeln und Aufmerksamkeit lenken. Wie beispielsweise in dieser schönen Szene – dieses Buch, das von einem Besitzer mit Zeichnungen versehen wurde. In der Erzählung der Offstimme werden die Zeichnungen wie selbstverständlich mit dem Buchinhalt verwoben. Es wird beobachtet, beschrieben und erdichtet. Visuell ist der Unterschied erkennbar, aber in der Stimme verschmelzen die verschiedenen Ebenen in dem eintönigen Klang – Harun Farocki oder Hartmut Bitomsky – so hört es sich an. Wenn man sich von solchen Stimmen gerne Geschichten erzählen lässt, dann fühlt man sich bei Scheffner zu Hause. Das sympathische antiauktoriale, aber vielwissende Off. Andere Erzählungen dichte ich mir selbst hinzu und bemerke es sofort mit dem nächsten Schnitt. Nebel, ein Fluss, Ufergewächs in gedämpften Farben. Stille – vielleicht Musik – ich denke an Indien und freue mich auf vorstellbare Bilder dieses Landes, aber dann ist nur ein Angestellter eines Konsulates (die Hauptrolle in diesem Film) zu sehen, der den geplanten Dreh in Indien möglich machen möchte, und der Stimme, die nun im Film außerhalb des Rahmens neben der Kamera sitzt, Unterstützung verspricht. Es wird nie soweit kommen. Indien bleibt ein leeres Versprechen, genauso wie eine befriedigende, aufklärende Verbindung aller Aufzeichnungen. Ob Schellackplatte, Zeitung oder Webcam. Eine Sammlung heterogener Speicherungen erzählt erfrischend unlogisch von Forschungsfiktionen. Die Quellen wuchern – 1, 2, 3, 4… – die Stimme zählt und ich verliere nicht nur zeitlich den Anschluss – um was ging es eigentlich – aber der Blackout ist so angenehm wie das Schwarz der Leinwand. Ich lasse mich gerne von Gespenstern und Gespinsten kolonialisieren. Rauschen, Zelluloidschatten, Druckerschwärze, digitale Wolken… es spukt in den Medien, da sie Leben schreiben und ich in ihnen Leben lese. Dann, wenn die Abspielgeräte vorhanden sind, die untoten Träger aus den Katakomben der Archive geholt werden, um gegen den Tod zu protestieren. Mein persönlicher Berlinale Gewinner 2007. Mind the Gap: Die Sache mit dem Bild und dem Ton netLOUNGE DV (...)Die Kluft zwischen Bild und Ton kulminiert schließlich in dem Film The Halfmoon Files. Auch in diesem Film geht es um Geschichte, genauer gesagt um die phonografischen Aufnahmen, die im Kriegsgefangenenlager in Wünsdorf während des ersten Weltkriegs gemacht wurden. Wie verbindet man eine brandenburgische Ortschaft mit Punjab in Indien, vor allem, wenn man keine Drehgenehmigung für Indien bekommt? Wie die brandenburgische Ortschaft heute mit der Ortschaft von 1916? Wie die Stimme eines indischen Kriegsgefangenen mit seinem nicht existierenden Bild? -- Über die Lücke, die hier ganz wunderbar konsequent als Stilmittel eingesetzt wird, und zwar als Leere. Sie äußert sich als nicht vorhandenes Bild, und als Stille. Das Bild bleibt oft schwarz, etwa während eine der Tonaufnahmen zu hören ist, und dies durchaus auch mal sehr lange. So lange, daß man beginnt, sich zu fragen, wie der Film da wieder rauskommen will. Aus einem so bedeutungsvollen, leeren Schwarz kann man so leicht nicht wieder in ein beliebiges Bild auftauchen, und auch der Moment muß stimmen. Aber es geht sich meistens aus; wäre der Film nicht so gut gemacht, hätte das Konzept auch leicht ins Desaster führen können. Beinahe schmerzhaft, als müsse man zu lange die Luft anhalten, ist der umgekehrte Fall: vier Minuten Originalfilmaufnahmen aus den Camps, einzigartige Aufnahmen. Ohne Ton, versteht sich. Figuren marschieren, andere tanzen, essen. "Sie tanzen ohne Musik" sagt schließlich der Kommentar, der einen irgendwann doch erlöst. Die Schere zwischen Ton und Bild betont auf unerwartete Weise die Materialität der Aufnahmen, und irgendwie wird dadurch auch das Dargestellte (oder Gehörte) lebendiger, auch wenn es darin um Geister aus der Vergangenheit geht. Dabei wird einem auch bewußt, daß zwar die 90 Jahre alten Schellak-Platten noch heute gehört werden können, aber die HDV-Aufnahmen, die zu sehen sind, wenn das Bild nicht leer bleibt, könnten womöglich schon in 20 Jahren nicht mehr lesbar sein. "So, you want to shoot in India?" fragt ein Indischer Botschaftsangestellter zu Anfang. Was für Film soll es denn werden, will er wissen. "A Ghost story" antwortet der Filmemacher. Dabei wußte er das zu dem Zeitpunkt noch gar nicht. Aber auch das Gespräch fand nicht statt, zumindest nicht so. Das wurde auf einen Vorschlag des Botschaftsangestellten hin erst später nachgespielt, als klar war, daß es keine Drehgenehmigung für Indien geben würde. Zum Glück.><<>> Und so schließt sich der Kreis. "Denn in mangelnder Sichtbarkeit kann man Dinge ganz anders erkennen", das hatte schon der Filmemachers Poulet zu seinem Film Substitute bemerkt. /HE Auf der Suche nach Mall Singh Dokumentarfilm über frühe Tonaufnahmen, indische Soldaten und das Gefangenenlager Wünsdorf JAN STERNBERG Märkische Allgemeine Zeitung, 17.02.2007 Mall Singh war 24 Jahre alt, als er in Wünsdorf vor ein Gerät mit einem großen Trichter geführt wurde. Mall Singh sollte sprechen, in seiner Muttersprache Panjabi, das sagten ihm die deutschen Forscher. Das Gerät war ein Edison Phonograph. Mall Singhs Stimme wurde auf Schellackplatte aufgezeichnet. Eine Minute und zwanzig Sekunden dauert die Aufnahme, hergestellt am 11. Dezember 1916 um vier Uhr nachmittags. Mall Singh, Sikh aus einem Dorf in der Region Firozpur im Panjab, war indischer Soldat. Er kämpfte im Ersten Weltkrieg in Europa auf Seiten der Briten, wurde von den Deutschen gefangen genommen. Sie brachten ihn mit anderen Soldaten aus den Kolonien der kriegführenden Mächte ins "Halbmondlager" bei Wünsdorf (Teltow-Fläming). Inder, Nordafrikaner, Senegalesen waren dort , in einem zweiten Lager bei Zossen bewohnten Georgier und Tataren aus der russischen Armee die Baracken. Es waren Sonderlager mit etwas besserer Behandlung. Das Osmanische Reich, Verbündeter der Deutschen, hatte den Dschihad gegen die Alliierten ausgerufen. Die Deutschen, so wollten sie es in ihrer Propaganda inszenieren, standen an der Seite der Muslime gegen die Ungläubigen. Im Halbmondlager wird am 13. Juli 1915 die erste Moschee auf deutschem Boden, geweiht. Die Lagerzeitung hieß "El Dschihad". Auch die nicht-muslimischen Gefangenen wie den Sikh Mall Singh versuchte die deutsche Propaganda zu erfassen – man wollte die Unabhängigkeitsbestrebungen in Indien befeuern, um den Briten zu schaden. Genützt hat die Mühe wenig. Doch tausende Menschen aus fernen Ländern, zusammengepfercht hinter Stacheldraht, weckten schnell Interesse bei Wissenschaftlern, Anthropologen und Sprachforschern. Sie sprachen von "prächtigem Material", das "man beisammen hat, ohne umständliche und zeitraubende Reisen machen zu müssen" – und vor allem: "welches man in aller Muße, ohne dass es einem davongeht, wiederholt ausfragen kann". 1915 wird die "Königlich Preußische Phonographische Kommission" gegründet. Ihr gehören 30 Wissenschaftler an, geleitet wird sie von Wilhelm Doegen. Ihr Ziel ist die systematische Aufnahme der verschiedenen Sprachen und der Musik aller in deutschen Lagern befindlichen Kriegsgefangenen. 1650 Schellackplatten aus dieser Zeit liegen heute im Lautarchiv der Humboldt-Universität. Mall Singhs Aufnahme trägt die Nummer P.R. 619. Sie ist gekennzeichnet als "ein typisches Beispiel" eines Punjabi-Sprechers, Mall Singh wird eine "starke helle Stimme mit guter Resonanz" bescheinigt. Andere Gefangene müssen von Zetteln, die die Wissenschaftler hochhalten, Märchen oder Zahlenreihen ablesen. Mall Singh darf frei sprechen. Er spricht in der dritten Person, aber er meint sich. "Es war einmal ein Mann. Er geriet in den europäischen Krieg. Deutschland nahm ihn gefangen. Drei lange Jahre sind vergangen. Sollte dieser Mann noch zwei Jahre hier bleiben müssen, wird er sterben." Wer war dieser Mall Singh? Er taucht auch in einer Studie des Anthropologen Egon von Eickstedt auf, der 76 in Wünsdorf internierte Sikh-Soldaten biometrisch vermessen hat. Dort trägt er die Nummer 15. Er hatte fünf Brüder, zwei Schwestern und eine Tochter, vermerkt Eickstedt. Mehr wissen wir nicht. Für die Forscher war Mall Singh ein Studienobjekt, sein Schicksal und seine Biografie interessierte sie nicht. Ein Foto von ihm muss im Lager gemacht worden sein, alle Gefangenen wurden fotografiert. Doch es ist verschollen. Der Berliner Filmemacher Philip Scheffner hat sich auf die Suche nach dem Soldaten Mall Singh gemacht. Er versuchte, in dem verstreuten Material, aus den Informationsfetzen in den Archiven, einen Menschen zu finden und über ihn in Indien einen Film zu drehen. Er ist fürs Erste gescheitert – und hat darüber seinen Film gemacht. "The Halfmoon Files", die Halbmondakten, heißt er und fördert dennoch erstaunlich viel zutage. Scheffner zeigt uns Stummfilmaufnahmen aus dem Lager, die er aufgestöbert hat. Schafe werden zum Schächten geführt, Turbanträger marschieren durchs Lagertor. Er spielt uns Aufnahmen von Schellackplatten vor. Eine Geistergeschichte, die Mall Singhs Kamerad Bhawan Singh dem Phonographen vorliest. Zu dieser findet Scheffner im heutigen Wünsdorf Bilder, die nahtlos anknüpfen, als habe es die neunzig Jahre dazwischen nicht gegeben. An diesen Stellen wird die Dokumentation zum filmischen Traum. Hier kann eine Nilpferdpeitsche eine Rolle spielen, vom Berliner Völkerkundemuseum für den Propagandafilm "Der Gefangene von Dahomey" verliehen. Der Streifen wurde 1918 in Wünsdorf gedreht. Das reale deutsche Lager ist Filmkulisse für ein französisches Lager in Afrika, die afrikanischen Gefangenen spielen französische Kolonialsoldaten. Die Story: Ein deutscher Internierter wehrt sich gegen die Misshandlungen des französischen Kommandanten, kann fliehen. Die Nilpferdpeitsche ist seit den Dreharbeiten verschwunden, der Film inzwischen ebenfalls. Auch die Erzählungen von Frau Heyer überschreiten die Grenze zwischen Dokumentation und Geistergeschichte. Sie wohnt in Wünsdorf in den ehemaligen Baracken des Halbmondlagers, ihre Großeltern kamen 1918 dorthin. Nachts hört sie in den Baracken merkwürdige Geräusche. Wilhelm Doegens Stimme ist ebenfalls zu hören – in Radiointerviews der Fünfziger und Sechziger Jahre erzählt er ungebrochen stolz von seiner Idee, die "Negerstimmen" auf Schellack aufzunehmen. Eine absurde Poesie gar bekommt Scheffners im Film gezeigte Korrespondenz mit den Behörden und seinen Recherchepartnern in Indien. Mehrmals spricht der Regisseur beim indischen Geschäftsträger in Berlin vor, doch statt der Drehgenehmigung, die in Delhi versandet, kann der freundliche Herr Dasgupta nur mit einer weiteren Geistergeschichte aus einem alten Buch helfen: Ein indisches Märchen über die "Weiße Frau der Hohenzollern", die Wilhelm II. Unglück ankündigt. Schließlich meldet sich Mall Singhs Enkel: Bei der Zeitung "Chandigarh Tribune", die eine Geschichte über die Tonaufnahmen der Sikh-Soldaten brachte. Doch da ist der Film schon zu Ende. Der indische Journalist von der "Tribune", augenscheinlich verwirrt, wie er den aus Rassismus und Exotismus gleichermaßen gespeisten Forscherdrang der deutschen Wissenschaftler von damals einordnen soll, strickt sich in diesem Artikel eine ganz spezielle Erklärung: Die Deutschen hätten die Sikhs untersucht, "weil sie wissen wollten, warum sie gegen diese harten Jungs vom Panjab keine Chance hatten". Jeder erzählt eben seine eigene Geschichte. Egon von Eickstedt, der Autor der Studie, wurde einer der führenden Rassenforscher der Weimarer Republik und der Nazizeit. Auch das sollte man wissen. Philip Scheffners Arbeit ist mit dem Film nicht beendet: Mit der Wissenschaftshistorikerin Britta Lange, die sich mit den Forschungen in Wünsdorf beschäftigt, hält er Vorträge, zudem bereiten sie eine Ausstellung im Berliner Kunstraum Bethanien vor. Der Soldat Mall Singh wird Scheffner weiter begleiten. Und vielleicht kommt ja sogar die Drehgenehmigung aus Delhi. Der Film "The Halfmoon Files" läuft im Berlinale-Forum am 17. Februar, 13 Uhr, im Cubix 7 und 18. Februar, 20 Uhr, im Arsenal 1. Vortrag mit Filmausschnitten am 23. Februar, 20 Uhr, Fachwerk im Gutenberghaus, Bücherstadt Wünsdorf. Da spricht ein Geist zu mir (im Forum): Sueddeutsche Zeitung 16.02.2007 Kolonialsoldaten des Weltkriegs in "Halfmoon Files" von Philip Scheffner "Es war einmal ein Mann. Er aß zwei Pfund Butter und trank drei Liter Milch in Indien. Dieser Mann kam in den europäischen Krieg. Deutschland nahm diesen Mann gefangen. Er wünscht sich, nach Indien zu gehen." - Kurzes Husten. - "Sollte er noch zwei Jahre hier bleiben, wird er sterben." Eine Minute und sechzig Sekunden braucht der Inder Mall Singh, um die Geschichte seines Lebens zu erzählen. Es ist der 11. Dezember 1916 und Singh steht vor dem Trichter eines Phonographen, den deutsche Wissenschaftler in der Baracke eines Kriegsgefangenenlagers bei Berlin aufgebaut haben. Der Häftling hat eine hohe Stimme, die auf eine Wachsplatte gepresst wird. Er spricht die nordindische Sprache Punjabi, ist 24 Jahre alt und hat einen Brustumfang von 880 Millimetern. Beim Ausatmen. Vorausgesetzt, alles wurde korrekt notiert. Es sind nur ein paar Zahlen und Stimmen wie aus dem Jenseits, deren Spur der Filmemacher Philip Scheffner in "The Halfmoon Files" aufgenommen hat. Sein Dokumentarfilm, der ab Freitag im Forum läuft, nimmt die Zuschauer mit auf eine Reise durch die Sinne, die tastend beginnt wie ein Suchspiel mit verbundenen Augen, dann schnell Fahrt aufnimmt und eine Geschichte erzählt, die vom Kolonialismus handelt, von der Wissenschaft und der Kunst - und davon, dass nicht wahr sein muss, was wir für wirklich halten. Scheffner hat aus stummen Bildern, blinden Tonschnipseln und akademisch kühlem Kommentar eine Geistergeschichte gezaubert, die im Lautarchiv der Berliner Humboldtuniversität beginnt. Da sitzt der Dokumentarfilmer und Soundkünstler 2004 und hört eine Stimme, zu der kein Körper mehr gehört. "Ich hatte das Gefühl, da spricht ein Geist zu mir, der neben mir steht." Die Stimme von Mall Singh kommt von einer der 7500 Schellackplatten, die im Berliner Lautarchiv gehortet werden. Das Archiv ist eine akustische Schatztruhe und wurde 1920 gegründet, mit Stimmdokumenten, die die Königlich Preußische Phonographische Kommission in Internierungslagern des Ersten Weltkriegs aufgenommen hatte. Chef war der Forscher Wilhelm Doegen, der Sprachen und Musik aus aller Welt in einem "Stimmenmuseum der Völker" sammelte. Willkommen in Wünsdorf, einem Kaff in Brandenburg, in dem das Auge nichts zu sehen kriegt außer Kasernen, dürren Kiefernwäldern, einem Absperrband, das im Wind flattert. "Viele Geister nehmen die Gestalt eines alten Seils an, das einfach auf der Straße liegt und die Füße der Passanten verfangen sich darin", erzählt ein Inder aus dem Off. Es spukt hier, erfährt man, sie sind noch da: Tausende indische und nordafrikanische Soldaten, die im Ersten Weltkrieg für die französische und die britische Armee kämpfen, in deutsche Gefangenschaft geraten und im "Halbmondlager" von Wünsdorf zusammengesperrt werden. Man baut ihnen eine Moschee, lässt sie vor der Kamera tanzen, vermisst Köpfe, bringt Trommeln aus dem Völkerkundemuseum, dokumentiert - und hofft, die Fremdlinge als Saboteure in die Armeen ihrer Kolonialherren zurückschicken zu können. Ethnologen, Kriegspropagandisten und Filmemacher arbeiten da Hand in Hand, und es gehört zu den Qualitäten von "The Halfmoon Files", dass der Film sich nicht über seinen Gegenstand erhebt. Philip Scheffners Spurensuche nach dem Kolonialsoldaten Mall Singh bleibt lückenhaft und in seiner eigenen Zeit gefangen. Er überblendet das nicht, lässt die Leinwand schwarz, wo das Material nicht mehr hergibt. Mall Singh war Gefangener, Gegenstand der Forschung, Statist. Im Film wird zu einem Mann, der eine Geschichte zu erzählen hat. CONSTANZE VON BULLION Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr.39, Freitag, den 16. Februar 2007 Geisterstimme aus dem Gestern Singende Kriegsgefangene, vermessen im Halbmondlager und auf Schellack gepresst: In seinem Filmessay "The Halfmoon Files" (Forum) sichtet Philip Scheffner Deutschlands koloniales Erbe und den trügerischen Wahrheitsanspruch der Ethnografie VON HARALD FRICKE (taz Berlin 17.2.2007) Manchmal nimmt Philip Scheffner gern Umwege. So war es auch bei seinem Projekt "The Halfmoon Files". Bereits 2002 erschien seine CD mit Sounds aus Bombay, die Scheffner zu einer "Musique Concrète der Stadt" collagiert hatte, wie er sagt. Bei Interviews vor Ort bekam er dann den Hinweis, dass in der Nähe von Berlin während des Ersten Weltkriegs ein Lager für indische Kriegsgefangene existierte. Plötzlich saß die deutsche Kolonialgeschichte mit im Boot. Scheffner erfuhr, dass Berlin ein Stimmenarchiv besitzt, das in dieser Zeit alle "Rassen" der Erde akustisch klassifizieren sollte. Er recherchierte weiter, traf auf Britta Lange, die am Max-Planck-Institut über Postkolonialismus forscht. Aus dem gemeinsamen Interesse wurde ein Vortrag, mit dem die beiden durch Unis touren. Zusätzlich soll dieses Jahr eine Ausstellung in Berlin folgen, für die Scheffner noch eine CD mit historischem Material produzieren wird. All das gehört zur Rührigkeit, wie man sie von geübten Projektemachern kennt. Und doch ist bisher kein einziges Mal von Scheffners Film "The Halfmoon Files" die Rede gewesen, mit dem er nun im Forum vertreten ist. "Na ja, es war eben wie so oft auch Zufall, dass überhaupt ein Film herausgekommen ist", erklärt Scheffner, während er sorgfältig seine Zigarette zu Ende dreht. Noch im Oktober hatte er eine lose Sammlung aus Texten, Bildern und O-Tönen beim Talk in einem Berliner Kunstverein vorgestellt. Aber dann wurden an Silvester "in sehr, sehr langen Sitzungen" die bereits vorhandenen DV-Aufnahmen geschnitten und montiert. Ein ziemlicher Ritt, schließlich ist der Materialfundus enorm disparat. Dokumentation, Bildessay, Hörspiel - der fertige Film verhandelt vieles in einem. Es geht neben dem kolonialen Erbe Deutschlands auch um eine Kritik am Wahrheitsanspruch der Ethnografie mit ihrem Vertrauen in dokumentarische Bilder und darum, wer festlegt, wie Geschichte geschrieben wird. Gerade deshalb ist Scheffner skeptisch: Objektivierbares Wissen gibt es nicht, noch weniger lässt es sich darstellen. Diese Einsicht war bereits wichtig, als der 1966 in Homburg geborene Video- und Soundkünstler Anfang der 90er das Berliner "dogfilm"-Kollektiv mitgründete, dessen Arbeiten von TV-"Soaps" für arte über die Ökonomisierung von Mitte bis hin zu Beiträgen über die "Kein Mensch ist illegal"-Initiativen reichten. Das schwierige Verhältnis von gesellschaftlichen Inhalten und künstlerischem Blick ist auch in "The Halfmoon Files" ein durchgängiges Thema. Schon zu Beginn sieht man, wie sich kaum merklich eine Flusslandschaft aus einer nebelverhangenen Suppe herauskristallisiert. Dazu hört man eine Schallplatteneinspielung, die in Indisch die Welt "als trügerische Form" besingt. Die Stimme stammt von Mall Singh. Aufgenommen wurde der Rhapsode nicht heute, sondern vor 90 Jahren, nicht in seiner Heimat, sondern in Wünsdorf bei Berlin. Dort waren im Ersten Weltkrieg die gefangenen Soldaten muslimischen und anderen nichtchristlichen Glaubens interniert. Araber, Afrikaner, Koreaner und eben auch indische Sikhs. Weil in dem sogenannten Halbmondlager, für das man 1915 sogar eine eigene Moschee errichtete, dermaßen viele Völker und Kulturen zusammengepfercht waren, wurden schließlich die Ethnologen, Sprachwissenschaftler und Anthropologen der Berliner Humboldt-Universität auf diese Welt im Miniaturformat aufmerksam. Feldforschung leicht gemacht: Bald begannen die Wissenschaftler damit, die vermeintlich exotischen Kriegsgefangenen zu vermessen, ihre Feste und Rituale zu studieren, vor allem auch ihre Sprachen aufzuzeichnen. Das alles ist auf Filmen dokumentiert, die Scheffner jetzt als Samples in "The Halfmoon Files" nutzt, in Zeitlupe einstreut oder mit Aufnahmen aus dem heutigen Wünsdorf kontrastiert. Eine zentrale Rolle spielte damals der Sprachwissenschaftler Wilhelm Doegen, der die "Königlich Preußische Phonographische Kommission" leitete. Unter seiner Aufsicht sind 700 Aufnahmen in Wünsdorf entstanden, die auf Schellackplatten gepresst wurden und heute noch im Berliner Lautarchiv lagern. Für Scheffner ist Doegen "eigentlich so etwas wie das abwesende Zentrum. Er hat als Erster erkannt, dass seine Aufnahmen nicht bloß wissenschaftliche Belege waren, sondern eben auch Dokumente von Kunst und Sprache." Der Film spinnt diesen Faden fort - ist Doegen der Künstler und Singh sein Medium? Aber dann ist da dieser blinde Fleck in Doegens Wahrnehmung, auf den Scheffner eingeht. Sofort erscheint die Authentizität der Aufzeichnungen fragwürdig, schon weil die Tondokumente den Gefangenen abgepresst wurden. So erzählt der von Doegen befragte Singh, dass er aus deutscher Gefangenschaft endlich nach Indien zurückkehren will, "wenn Gott gnädig ist". Wenig später hört man ihn seltsam hysterisch lachen, nachdem er dreimal "Heil!" gerufen hat. Was danach aus Singh geworden ist, weiß heute niemand. Sein Geburtsdorf existiert nicht mehr, seit Indien 1947 geteilt wurde; und auch die hiesige indische Botschaft besitzt keinerlei Informationen über den Mann, der aus der Provinz Punjab stammte. Deshalb auch nennt Scheffner seinen Film "eine Geistergeschichte": weil sie von einem Menschen handelt, der nur als Stimme noch präsent ist. Mehr Fakten, aus denen man sich ein Bild machen könnte, hat man auch am Ende des Films nicht zur Hand. "The Halfmoon Files". Regie: Philip Scheffner. Deutschland 2007, 87 Min. Heute, 17. 2., 13 Uhr, Cubix, 18. 2., 20 Uhr, Arsenal taz Berlin lokal Nr. 8204 vom 17.2.2007, Seite 32, 185 Kommentar HARALD FRICKE, veränderter Artikel in taz-Teilauflage: S.22 * Rezension Auszug aus "Der Bär darf wagemutig bleiben", Artikel von Christina Nord, die tageszeitung vom 8.2.2007, S. 15, 344 Z. "Entdeckungen sind ohnehin eher in den Nebenreihen möglich. Eine Stärke der Berlinale ist dabei seit jeher die Auswahl von Dokumentarfilmen. (...) Der Berliner Regisseur Philip Scheffner forscht in "The Halfmoon Files" (Forum) der Geschichte eines indischen Kriegsgefangenen während des Ersten Weltkrieges nach. Der Mann namens Mall Singh war in einem Lager in Wünsdorf bei Berlin interniert und musste dort für einen Sprachforscher und Lautarchivar auf Band sprechen. Der Film collagiert das zunächst heterogene Material zu einer dichten Spurensuche - Aufnahmen aus dem heutigen Wünsdorf, historische Fotografien, Szenen aus frühen Kolonialspielfilmen, die in dem Lager mit den inhaftierten Soldaten als Statisten gedreht wurden, Gespräche mit einem leitenden Angestellten der indischen Botschaft in Berlin. Scheffner dreht, wie er selbst sagt, "eine Gespenstergeschichte", was sich doppelt bewahrheitet. Zum einen, weil Mall Singh, die zentrale Figur der Recherchen, ein blinder Fleck bleiben muss, zum anderen, weil man dem Rassismus des frühen 20. Jahrhunderts, dem kolonialistischen Denken, dem Positivismus des Kopfvermessens und Stimmenarchivierens am ehesten auf die Spur kommt, wenn man ihm nicht mit umgekehrtem Positivismus begegnet - sondern mit Schwarzblenden oder Bildern wie dem eines herrenlosen Plastikbandes, das gespenstisch im Wind weht." |
Kontakt
Philip Scheffner / pong
Skalitzer Str.62 D-10997 Berlin Tel/Fax: +49.(0)30.61076098 www.pong-berlin.de info@pong-berlin.de |
